Wer die Norm verlässt muss ständig Antworten liefern

„Ich gebe mein Kind nicht in die KiTa“ sagt eine Mutter neulich zu mir. „Warum fühle ich mich gegenüber anderen Müttern und Arbeitskollegen mit dieser Aussage schlecht? Es darf doch meine Entscheidung sein.“ 

Nein, nicht die Entscheidung wird in Frage gestellt, vielmehr entsteht immer ein schlechtes Gefühl wenn darüber gesprochen wird. Etwa weil in der Frage ein stiller Vorwurf liegt? Stellt doch eine Entscheidung immer eine andere Entscheidung in Frage.

Ich selber führe fast täglich Telefonate mit Eltern die die mittlerweile zur Norm gewordene Betreuungssituation hinterfragen. Es gibt also Eltern die die Situation nicht einfach hinnehmen aber es sind meiner Meinung nach immer noch viel zu wenige. Jesper Juul, ein sehr beliebter dänischer Pädagoge, hat dafür eine Erklärung: Die Eltern, meint er, bleiben in der Regel passiv, weil ihre ganze Lebensgestaltung vom Angebot der Kinderbetreuung abhängt. Sie sägen also lieber nicht an dem Ast, auf dem sie sitzen. 

Aber welchen Preis zahlen sie dafür? Zahlen die Kinder dafür? 

Mittlerweile ist es Fakt: nicht mal drei Prozent der frühkindlichen Betreuungsplätze in Deutschland seien von guter pädagogischer Qualität, sagt die Nubbek-Studie. Drei Prozent, davon wird öffentlich gesprochen und dann kann man sicher sein, dass die Realität noch weit darunter liegt. 

Eines ist auf jeden Fall sicher. Die Kinder erzählen den Eltern nicht wie es war, wie der Tag gelaufen ist, wie es sich anfühlt, wenn man traurig ist und keiner kommt. Das Kind möchte überleben und passt sich an. Das ist evolutionär so gegeben. Praktisch! Wirklich!

Die KiTa`s schießen aus dem Boden. Nur leider reicht eine schöne Einrichtung nicht aus um ein Kind zu begleiten. Wo ist der Baum an dem das emphatische, erfahrene, selbstreflektierte Personal wächst? Und die die ambitioniert arbeiten werden verheizt ohne jegliche Rücksicht. Ein Kind muss gesehen werden und seine Bedürfnisse müssen unmittelbar erfüllt werden, es muss Raum zur Entfaltung haben und Gefühle wie Wut, Trauer, Aggression und Freude ausleben dürfen. Das kann es nur, wenn es sich 100% getragen und geborgen fühlt. Wie sollen das Menschen leisten, deren Arbeit nicht wertgeschätzt wird, auf deren Schultern Ansprüche einer ganzen Gesellschaft liegen und die unter dieser Last zusammen zu brechen drohen?

Wer schon mal auf mehr als 2 kleine Kinder aufgepasst hat oder einem Kindergeburtstag beigewohnt hat, weis wie schwer es ist allen gerecht zu werden. Wie gelingt das in einer großen Gruppe? Die Kinder zeigen sich in der Regel recht angepasst und unterdrücken das so wichtige Verlangen nach Exploration. Sonst ginge das gar nicht. Ein Kind, dass nach ein paar Wochen KiTa nicht mehr weint, fühlt sich nicht wohl. Es hat sich mit der Situation abgefunden. 

Es sei denn, es gibt einen Betreuungsschlüssel von 3:1. 

Weil, wie viele Kinder passen denn auf einen Schoß? Ja, und was machen dann die Anderen?

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